Schwanger um jeden Preis

Im Ausland kaufen deutsche Paare Eizellen und lassen Embryonen testen. Fortpflanzungstouristen umgehen die strengen deutschen Gesetze

Von Martin Spiewak
 


 

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Manchmal stellt sich Claudia Herbart* die andere Frau vor. Zu klein sollte sie nicht sein, hofft sie. Und, bitte, keine schwarzen Haare, keine dunklen Augen. Claudia Herbart ist blond, blauäugig und nicht gerade zierlich. Aber auch hier in Valencia gibt es solche Frauen. Sie hat darauf geachtet, als sie heute morgen mit der Metro von ihrer Pension in die Klinik fuhr. Blonde, blauäugige Spanierinnen. Das hat sie beruhigt.

"Wir passen auf, dass sich die Spenderin nicht zu sehr von ihnen unterscheidet", wurde ihr beim ersten Besuch in der Klinik versichert. Aber ein Rest Zweifel bleibt immer. "Das Ergebnis sieht man erst nach neun Monaten", sagt Claudia Herbart und rührt in ihrem Milchkaffee. Er ist der letzte. Ab morgen wird sie keinen Kaffee mehr trinken. Morgen früh werden ihr die fremden Eizellen eingepflanzt, befruchtet mit dem Sperma ihres Mannes. Dann heißt es warten und hoffen. Über 50 Prozent seien die Chancen in Valencia, durch eine Eizellspende zu einem Kind zu kommen, hatte es im Internet geheißen. Weil die Spenderinnen jung sind, ihre Eizellen gesund und die Auswahl am Instituto Valenciano de Infertilidad (IVI) so groß ist wie nirgendwo sonst in Europa.

Das IVI gehört zu einem Dutzend Fortpflanzungskliniken in Europa, in denen deutsche Paare all das geboten bekommen, was ihnen Paragrafen hierzulande untersagen. Und das ist viel. In keinem anderen Land ist ein Embryo derart umfassend geschützt wie in Deutschland - und gleichzeitig so vieles verboten, was unfruchtbaren Paaren zu einem Kind verhelfen könnte. Ob Eizellspende, Leihmutterschaft oder Präimplantationsdiagnostik: Das deutsche Embryonenschutzgesetz untersagt es.

Andere Staaten Europas legen weniger strenge Maßstäbe an den Schutz des werdenden Lebens. Die Bundesrepublik ist geradezu umzingelt von ihnen. Jedes Jahr zieht es deshalb mehr deutsche Paare zum Kinderzeugen ins europäische Ausland - vorbei an deutschen Gesetzen, unterstützt von hiesigen Ärzten, angetrieben von der Sehnsucht nach eigenem Nachwuchs. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ist ein Fortpflanzungstourismus entstanden, der nach konservativen Schätzungen bereits jährlich einige hundert deutsche Paare umfasst. Andere Angaben gehen von weit über tausend aus.

Klinik mit Privatstrand

Das IVI in Valencia, eine der größten privaten Fertilitätspraxen weltweit, zählt zu den beliebtesten Destinationen. Hier fragt niemand, ob die Patienten aus Barcelona oder Berlin kommen. Wenn Eizellen und Spermien zur Verfügung stehen und Ärzte Zeit haben, sind die Kunden von überall her willkommen - Hauptsache, sie zahlen.

Für die Präimplantationsdiagnostik (PID) gilt Belgien als die beste Adresse. Die Niederlande sind unter lesbischen Paaren aus Deutschland seit langem die erste Anlaufstelle für eine anonyme Samenspende. Und selbst Österreich, wo fast ebenso strenge Regeln herrschen wie hierzulande, zieht neuerdings deutsche Sterilitätspatienten an. Dort finden sich all jene Paare ein, die in den Genuss des so genannten Blastozystentransfers kommen möchten. Die zusätzliche Embryonenreifung vor dem Transfer in die Gebärmutter garantiert bei der künstlichen Befruchtung höhere Erfolgsquoten.

In der Praxis von Herbert Zech in Bregenz sitzen jeden Tag mindestens zwei Paare aus Deutschland. "Hätten wir die Kapazität, könnten wir zehn deutsche Patientinnen betreuen", sagt Zech. "Wie eine Lawine" habe sich die Nachfrage entwickelt. Da Österreich Mitglied der EU ist, bekommen die Paare die Behandlung bei ihrer Krankenkasse häufig erstattet. Dass die Technik in Deutschland wegen des Embryonenschutzgesetzes nicht angewandt wird, stört dabei nicht. Das Wort Blastozystentransfer kommt in der Rechnung einfach nicht vor.

Das häufigste Motiv, warum unfruchtbare Paare ins Ausland reisen, ist aber die Eizellspende. Auf die sind Frauen angewiesen, deren Eierstöcke keine eigenen Keimzellen mehr hergeben. Vor fünf Jahren hat eine Krebsbehandlung Claudia Herbarts Keimdrüsen zerstört. Nur noch sporadisch bekommt sie ihre Regel. Selbst die stärksten Hormone lassen keine Eizellen reifen. Claudia Herbart ist 33 Jahre alt, doch ihre Fortpflanzungsorgane sind die einer alten Frau. Alle Versuche, ihre Fruchtbarkeit wiederzubeleben, schlugen fehl. Mit diesen Eierstöcken werde sie keine Kinder mehr bekommen, lautete die endgültige Diagnose der Ärzte.

Doch was heißt schon endgültig in Zeiten, da Frauen im Oma-Alter schwanger werden und Forscher halbe Eierstöcke transplantieren? Was gelten deutsche Gesetze, wenn ein Flugticket reicht, sie zu umgehen? Und wie soll man sich mit einer solchen Diagnose abfinden, wenn man sich ein Leben ohne eigene Kinder nicht vorzustellen vermag?

Jeder Mensch hat ein Bild von seiner Zukunft. Kinder gehören für Claudia Herbart dazu, seit sie denken kann. Und so setzt sich die Münchnerin ("Ich bin ein hartnäckiger Typ") an den Computer und beginnt zu suchen. Für Frauen wie Claudia * Namen geändert

Herbart gibt es keine Beratungsstellen. Kein deutscher Mediziner darf ihnen offiziell helfen. Da wird das Internet zur Hoffnungsmaschine. Versteckt hinter Pseudonymen, tauschen sich Betroffene in Diskussionsforen über neue Therapien und ausländische Kliniken aus, geben Behandlungspreise und Erfolgsstatistiken weiter.

Claudia Herbart findet im Netz seriöse Unikliniken und windige Kommerz-Befruchter. Kliniken auf Zypern werben mit eigenem Privatstrand, ukrainische Labors mit niedrigen Preisen. Auf virtuellen Marktplätzen preisen amerikanische Eizellagenturen ihre Spenderinnen an ("Age 22, Height 5'2, Degree: Master") und versichern den Interessenten aus Germany in holprigem Deutsch, dass jede Frau "Intelligenzteste und Krankenrückblick" vorweisen könne.

Die Herbarts entscheiden sich zuerst für eine Mailänder Klinik. 3000 Euro für die Eizellspende, nur drei Monate Wartezeit und fünf Autostunden nah: Die Offerte erscheint am attraktivsten. Doch die Wahl entpuppt sich als Fehler, der Repromediziner als unfähig. Heute will sie nicht mehr an die Tage in Mailand denken. Nur so viel: "Es tat weh und war hinausgeschmissenes Geld." Auch ein zweiter Versuch - diesmal Bologna, diesmal 4000 Euro - geht schief. Zwei Wochen später zeigt der Schwangerschaftstest, dass auch dieses Geld eine Fehlinvestition war.

Hohe Kosten und tiefe Enttäuschungen, gesundheitliche Risiken und seelische Strapazen: Der Fortpflanzungstourismus zeigt, wie weit Paare bereit sind zu gehen, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Sie vertrauen sich Medizinern an, deren Sprache sie nicht sprechen. Sie zahlen für Leistungen, deren Qualität sie nicht überprüfen können. Sie lassen sich das genetische Material von Menschen einsetzen, die sie nie gesehen haben, und resignieren nicht eher, als bis sich der letzte vermeintliche Fluchtweg aus der Kinderlosigkeit als Sackgasse erwiesen hat.

Claudia Herbart hat fast aufgehört, an die Lösung mit den fremden Eiern zu glauben, als sie in einem Internet-Forum auf "Carla" stößt. Und "Carla" ist schwanger - durch eine Eizellspende. Zwei weitere Frauen im Forum erwarten ein Baby. Und bei allen hat es in derselben Klinik geklappt: in Valencia. Am Abend wählt sie die Nummer mit der spanischen Vorwahl. Als sich eine deutsche Stimme meldet, schöpft die Münchnerin nach Monaten der Verzweiflung wieder Hoffnung.

Reproduktionsmedizinische Zentren haben sich auf Kundschaft aus der Bundesrepublik eingestellt. Im IVI ist Anita Thiems für Geschäftsbeziehungen nach Alemania zuständig. Von ihrem kleinen Büro aus, wo sie Babyfotos dankbarer Paare umgeben, vermittelt die Deutschspanierin Informationen über Behandlungsablauf und Preise und koordiniert die Besuche der Frauen in Valencia.

In diesen Tagen hat sie besonders viel zu tun. Vier Vorstellungsgespräche, zwei Eizellentnahmen für eine künstliche Befruchtung, eine für eine spätere PID, sieben Embryonenübertragungen, darunter jene für Claudia Herbart: insgesamt 13 Patienten aus Deutschland zwischen Freitag und Montag. Die meisten Paare kommen am Samstag und Sonntag zur Behandlung. "Da sind die Flüge billiger", sagt Thiems. Der Termin hat einen weiteren Vorteil: Niemand erfährt, dass man am Wochenende kurz in Spanien war und mit zwei fremden Eizellen im Körper zurückkommt.

Viele Patienten verbinden die Behandlung in Valencia mit einem Urlaub. Das sorgt für Entspannung und hilft, den Besuch in der Befruchtungsklinik zu verschleiern. Wie gesunde Paare kann man später sagen: Unser Baby wurde im Urlaub gezeugt. Dass die Ferien teurer sind als üblich, muss niemand wissen. 5000 bis 6000 Euro kostet eine Eizellspende im IVI. Flug und Hotelkosten kommen hinzu. Bezahlt wird bar am Tresen oder per Kreditkarte. Welche Karten akzeptiert werden, erfährt der Kunde, bevor er die Praxis betreten hat. Visa-, Eurocard- und Amex-Logo kleben wie im Kaufhaus an der Eingangstür.

Auch die Herbarts buchen ihren Urlaub um, als die ersten Telefongespräche mit Valencia Vertrauen erwecken. Statt Nordfrankreich nun ein Häuschen auf Mallorca, mit Zwischenstopp zur Erstuntersuchung in Valencia. Joachim Herbart muss eine Samenprobe abgeben, die aufbereitet und eingefroren wird. Frau Claudia braucht nur wenige Untersuchungen über sich ergehen zu lassen. Die wichtigsten Bluttests und Ultraschallbilder hat ihre Gynäkologin in Deutschland bereits erledigt. Ein paar Unterschriften, eine erste Anzahlung, dann heißt es: Sie hören von uns, hasta luego.

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Spenderin von der Uni nebenan

Die Nachricht kommt drei Wochen später. Eine passende Spenderin sei gefunden. Sie solle sich vorbereiten. Nun beginnt zwischen München und Valencia ein kompliziertes medizinisches Manöver mit regem E-Mail- und Telefonverkehr. Während die unbekannte Spenderin mit Hormonen stimuliert wird, damit sich möglichst viele Eizellen bilden, erhält Claudia Herbart Präparate, die ihre Gebärmutter darauf vorbereiten, dass sich ein fremder Embryo einnisten kann. Das Alter der Empfängerin spielt bei dem Verfahren kaum eine Rolle. Richtig medikamentös eingestellt, kann selbst eine 60-Jährige mithilfe fremder Eizellen noch Kinder bekommen. Auch in Valencia gehören zu den deutschen Patientinnen Frauen, die nicht krank, sondern schlicht zu alt sind für eine natürliche Schwangerschaft. Die älteste zählte 52 Jahre.

Doch nicht immer funktioniert die repromedizinische Choreografie. Für Claudia Herbart heißt es ebenso zittern: ob die fremde Frau die Prozedur vorschriftsmäßig durchzieht. Ob die Spenderin genügend Eizellen produziert. Ob sich diese mit dem Sperma ihres Mann vereinen. Erst als diese Hürden geschafft sind, erteilt Anita Thiems Anweisungen aus Valencia: Buchen Sie Ihren Flug; in drei Tagen werden Ihnen die Embryonen übertragen.

Diesmal trifft es kein Wochenende. Was soll sie sagen? "Hey, Chef, ich will ein Kind und muss mir ein paar Eier in Spanien einpflanzen lassen." Unmöglich. Also sagte sie, sie müsse ihre plötzlich krank gewordene Schwester in Hamburg besuchen. Die Wahrheit wagen die Herbarts niemandem zu offenbaren, nicht einmal ihren Eltern. Bis heute wissen sie nicht, ob sie ihrem Kind einmal erzählen würden, dass seine genetische Mutter irgendwo in Spanien wohnt und sie nicht einmal ihren Namen kennen.

Vielleicht heißt sie Clara Pérez*. Immerhin ist sie blond und blauäugig, wenn auch mädchenhaft schlank. Seit sechs Monaten gehört die Studentin zu den Spenderinnen des IVI. Über einen Aushang an der Uni - "Eizellspenderinnen gesucht" - ist sie an den Job geraten, der mit 600 Euro pro Spende bezahlt wird. IVI-Direktor Antonio Pellicer spricht lieber von Entschädigung. "Allein wegen des Geldes macht es niemand", versichert der grau melierte Professor. Ohne Geld aber auch nicht. Natürlich denke sie auch an die kinderlosen Frauen, denen sie helfen kann, sagt Pérez. Aber in erster Linie locken die Euro. Viel sei es ja nicht, findet sie. Für all die Mühen: die Operation unter Narkose, wenn die Eizellen entnommen werden; die vielen Spritzen davor, die müde und launisch machen. Zum Glück ist das IVI gleich um die Ecke der Uni. Da macht es weniger Umstände, sich vor der Vorlesung die Hormonspritze unter die Haut drücken zu lassen.

Ausgebeutet fühlt sie sich nicht. "No, nada", so schlimm sei das auch wieder nicht. Die Frage überrascht sie. "Was wäre sonst mit meinen Eizellen passiert? Im Tampon gelandet." Dass Frauen aus dem Ausland zu den Empfängerinnen ihrer Eizellen gehören, wusste sie nicht. Als sie es erfährt, macht es sie ein wenig stolz. Erzählt hat auch sie es niemandem. Als ihre Mutter fragte, woher das Geld stammt, habe sie gesagt, sie arbeite in einem sozialen Projekt mit Behinderten. Kinderlose als reproduktiv Behinderte - ganz falsch ist die Definition nicht.

Die grenzüberschreitende Zeugungshilfe ist ein stilles Geschäft, das weder Patienten noch Ärzte publik machen. Dabei gelangt kaum ein deutsches Paar ohne die Unterstützung heimischer Ärzte zur Kinderwunscherfüllung ins Ausland. Conrad Kleinschmidt* begleitet seine Patientinnen sogar bis dorthin. Der Gynäkologe aus Baden-Württemberg ist ein gern gesehener Gast im IVI. Beim letzten Mal waren drei Frauen dabei, als er von Stuttgart über Zürich nach Valencia flog. "Ich muss Patientinnen helfen, die mit 30 in die Wechseljahre kommen", sagt Kleinschmidt. Auch für ihn lohnt sich der Auslandseinsatz. Er schaut den spanischen Kollegen bei PID und Eizellspende über die Schulter und lernt Techniken, die ihm in Deutschland niemand beibringen darf. Für die Zukunft, wenn beide Verfahren auch in Deutschland erlaubt sind.

Nur wenige Gynäkologen und Reproduktionsmediziner ignorieren auf so offensichtliche Weise deutsche Gesetze. Die meisten beschränken sich darauf, ihren Patienten eine Telefonnummer oder Internet-Adresse zuzuschieben und über die Hilfe Stillschweigen zu bewahren. Als Claudia Herbart ihrer Gynäkologin den Behandlungsplan aus Valencia vorlegt, reißt die Frauenärztin jenen Teil des Zettels ab, wo das Wort "Eizellspende" auftaucht. "Das brauche ich nicht zu wissen", so ihr Kommentar.

Die Vorsichtsmaßnahme ist berechtigt. Deutsche, die für eine Eizellspende oder PID ins Ausland reisen, können nicht behelligt werden - Mediziner, die sie dabei unterstützen, schon. Dass die Handlung im Ausland legal ist, schütze die deutschen Ärzte nicht vor der Strafverfolgung hierzulande, erklärt Hans-Georg Koch vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg. Sie machen sich ähnlich strafbar wie früher Ärzte, die Frauen zur Abtreibung über die Grenze nach Holland schickten.

Sehnsucht gegen Moral

An jene Jahre fühlen sich deutsche Reproduktionsmediziner erinnert. "Unzeitgemäß" seien die Gesetze, sagt der Essener Arzt Thomas Katzorke, der zugibt, deutsche Paare nach Polen und Tschechien zu überweisen. Er bezweifelt, dass irgendein Mediziner wegen Beihilfe vor Gericht landen wird. "Da müsste man fast alle hinter Gitter stecken." Wie "ein Arzt im Mittelalter", der seinen Patienten nicht jene Hilfe anbieten darf, die sie nötig haben, fühlt sich gar ein Hamburger Kollege, der gute Beziehungen nach Valencia pflegt. Und auch Claudia Herbart kann nicht verstehen, warum in Deutschland verboten ist, was die meisten europäischen Länder erlauben.

Es ist der klassische Konflikt zwischen Gemeinschaftsethik und individuellen Wünschen, zwischen staatlicher Moral und der privaten Sehnsucht nach einem Kind, der durch den sich globalisierenden Medizinmarkt nun noch verstärkt wird. Nirgendwo spitzt sich der Konflikt so zu wie bei der PID, dem Gencheck von Reagenzglasembryonen. Sex nach Plan, jahrelange Hormonbehandlungen, sechs Inseminationen, vier künstliche Befruchtungen: Beate Pauli* hat sämtliche Eskalationsstufen einer Kinderwunschpatientin hinter sich. Es brachte alles nichts. Das Zimmer im Einfamilienhaus, das für den Nachwuchs bestimmt ist, blieb leer. Das Rätsel, warum sich aus ihren Eizellen niemals eine Schwangerschaft entwickelt, löste erst ein humangenetisches Gutachten: Eine Fehlfunktion ihrer Gene lasse die Embryonen kurz nach dem Transfer in die Gebärmutter absterben.

Aber nicht alle Embryonen sind belastet. Jeder vierte Keimling, rechnete der Genexperte aus, könnte gesund sein. Doch das Kunststück, gute von schlechten Embryonen zu scheiden, ist deutschen Ärzten verboten. Nun sollen es die Mediziner am Krankenhaus der Freien Universität Brüssel vollbringen. Die belgische Metropole ist so etwas wie die PID-Hauptstadt Europas. Nirgendwo werden mehr Embryonen auf Genschäden getestet.

Wie in einer "konspirativen Aktion" fühlen sich die Paulis, als sie die belgische Grenze überschreiten. Das Geld für die Behandlung haben sie bar dabei. Hektisch geht es in der Klinik zu. Die fremde Sprache macht sie unsicher. Immer wieder muss sich das Paar telefonischen Rat bei seinem Arzt in Deutschland holen. Warum, fragen sie, muss man solche Torturen auf sich nehmen, wenn man doch nur ein Kind wünscht? Warum dürfen wir das Gleiche nicht in Deutschland bei einem uns vertrauten Arzt machen?

Eine Antwort findet man in Brüssel selbst: Weil sich die PID nicht auf Fälle mit schweren Erbgutfehlern begrenzen lässt. Jeden Tag besuchen im Durchschnitt zwei Paare aus der Bundesrepublik die Brüsseler Klinik, sagt der deutschsprachige Arzt Peter Platteau. Doch Patientinnen, die wie Beate Pauli eine lange Geschichte genetisch verursachter Unfruchtbarkeit hinter sich haben, seien in der Minderheit. Mittlerweile benutzen die meisten deutschen Paare, die nach Brüssel reisen, die PID als Methode, um die Schwangerschaftsraten einer künstlichen Befruchtung zu erhöhen. Selbst wenn deutsche Politiker den Gencheck aufgrund schwerer Erbkrankheiten zulassen würden: Die Reisen deutscher Paare zur Zeugungshilfe nach Belgien oder Spanien werden sie damit nicht unterbinden.

Auf diesen Umstand spekulieren Kliniken aus Osteuropa, insbesondere Tschechien. Noch ist das Land ein Geheimtipp im expandierenden Fruchtbarkeitstourismus. Doch Kliniken in Prag und Brünn sind dabei, ihr Angebot in Richtung Westen auszubauen. Sie haben ihre Internet-Seiten übersetzt, deutsche Unternehmensberater und deutschsprachiges Personal engagiert und ihren Betrieb auf Kundenfreundlichkeit getrimmt. Vorreiter der reproduktionsmedizinischen Osterweiterung ist die Prager Klinik Pronatal. Im letzten Jahr schickte die in einem Prager Stadtwald gelegene Klinik an viele deutsche Kinderwunschzentren ein Werbefaltblatt, in dem sie ihre Dienste anbietet.

Qualität deutsch, Preis tschechisch

Jeanette Böger* war skeptisch. Hätte ihr Düsseldorfer Gynäkologe die Prager Kollegen nicht wärmstens empfohlen, wäre sie nie auf die Idee gekommen, für eine Eizellspende "in den Ostblock", wie sie sagt, zu reisen. Das Misstrauen schwand, als bereits am Flughafen eine Mitarbeiterin der Klinik auf sie wartete: Marcela Brezinová, ihre Betreuerin für die nächsten Tage. Als ehemaliges Au-pair-Mädchen in Stuttgart weiß die Tschechin, was deutsche Gäste schätzen: Zuverlässigkeit, gute Sprachkenntnisse und einen Service möglichst rund um die Uhr. Marcella übersetzt, Marcella hält Händchen im OP, Marcella fährt die Gäste durch Prag. "Kein Problem" sind die beiden deutschen Lieblingsworte der Tschechin.

Rund zehn Prozent der Pronatal-Patienten sind Ausländer, die meisten Deutsche. Im Wartezimmer hängt neben der obligaten Babygalerie und der Statistik mit den Schwangerschaftsraten des letzten Jahres eine Urkunde hinter Glas, auf die die Klinik besonders stolz ist. Es weist Pronatal als "zertifiziertes QM-System ISO 9001" aus. Das deutsche Gütesiegel, das Qualität und Korrektheit der Behandlungsabläufe bestätigt, soll Ärzten und Patienten aus dem Ausland Vertrauen einflößen. Gleichzeitig dient es der zukünftigen Positionierung auf dem gemeinsamen europäischen Gesundheitsmarkt.

Die medizinischen Marktwirtschaftler aus Prag haben das Beitrittsdatum Tschechiens zur Europäischen Union fest im Blick. Dann soll ihre Strategie, deutsche Qualität zu tschechischen Preisen zu bieten, voll zur Entfaltung kommen. Langfristig, hofft Geschäftsführer Vladimir Sobotka, werde die Klinik mit deutschen Krankenkassen Verträge abschließen können - und zwar nicht nur über Techniken, die in der Bundesrepublik verboten sind. Auch eine konventionelle künstliche Befruchtung bekommt man in Prag für die Hälfte des Preises.

Heute ist es das Gesetz, das deutsche Paare nach Tschechien zieht. "The legal advantage is our market niche", lernen die Mitarbeiter von Repromeda, einer Klinik in Brünn, in einem Fortbildungsseminar. "Der Gesetzesvorteil ist unsere Marktlücke."

Claudia Herbart wurde in Valencia nicht schwanger. Zu Hause bekam sie ihre Regel. Ob sie weitermacht, hat sie noch nicht entschieden.

 

Quelle: Zeit 20/2002