Deutsche Reproduktionsmediziner fordern, Eizellspenden und
das Einfrieren von Embryonen zu erlauben. So könnte es bald Zigtausende
herrenlose Embryonen geben. Auch dafür haben die Ärzte schon ein Patentrezept:
die Adoption.


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| Embryo: Freigegeben zur Adoption? |
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Eigentlich ist die Sache klar: Falls Carmen Reuther, 35, aus Püttlingen nach
der künstlichen Befruchtung schwanger werden sollte, könnte ihr Arzt den
Reserve-Nachwuchs, der noch im Eis liegt, im Müll entsorgen.
Den Reuthers wäre es anders lieber: Gern würden sie ihre "kleinen
Eskimos" einem anderen Paar zur Adoption überlassen. "Wenn eine
andere Frau damit glücklich werden kann", erklären sie, "dann ist
das doch toll."
Auf die Idee brachte die Reuthers ihr Arzt. Michael Thaele, Vorsitzender des
Bundesverbands Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands, setzt sich
offensiv für die Embryoadoption ein, seit es die Bioforscher nach überschüssigen
Embryonen verlangt. "Wir sind nicht die Zulieferindustrie für die
Forschung", wettert Thaele. Viel lieber sieht er sich als Kinderlieferant für
Not leidende Paare.
Der Helferdrang deutscher Fortpflanzungsmediziner kennt allerdings ein
Hindernis: das restriktive Embryonenschutzgesetz. Es verbietet zum Beispiel,
Embryonen einzufrieren. Deshalb sind die "Eskimos" der Reuthers auch
gar keine echten Embryonen, sondern nur "Vorkernstadien": Zwar sind
Ei- und Samenzelle bereits verschmolzen, nicht aber deren Zellkerne.
Auch in anderer Hinsicht sehen sich die deutschen Reproduktionsmediziner von
einem Dickicht aus Verboten umgeben: Ob Eizellspende, Leihmutterschaft oder
Embryonenforschung - alles ist mit Gefängnisstrafe bedroht. Wer Unverheirateten
zum Retortenkind verhelfen will, braucht umständliche notarielle
Beglaubigungen.
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Viele Ärzte umgehen das Gesetz, indem sie zahlungskräftige Patienten
kurzerhand verschicken: etwa nach Belgien, Großbritannien oder Spanien. Vor
allem in den USA ist gegen genug Dollar fast alles im Angebot - mitunter mit
absonderlichen Folgen:
- Selbst Tote dürfen Vater werden: In Nevada erntete ein Arzt im Auftrag
einer Mutter das Sperma ihres toten Sohnes.
- Komatöse können zeugen: Mit Hilfe eines Elektrostabes im Anus können
sie zur Ejakulation gebracht werden.
- Ein Kind kann viele Eltern haben: Vor einem US-Gericht stritten sich fünf
Parteien (Samenspender, Eizellspenderin, Embryo-Empfängerin, deren Partner
und die Leihmutter) um Unterhaltspflicht und Elternrecht.
- Homosexuelle Männer dürfen mit Leihmutter-Hilfe Babys kriegen. Vor dem
Gesetz hat der Nachwuchs dann zwei Väter und keine Mutter.
- Ehepartner können sich als Halbgeschwister erweisen: In mindestens zwei Fällen
schon mussten Brautpaare feststellen, dass ihr Vater derselbe Samenspender
gewesen war.
Vergangene Woche wurde ein Fall publik, den selbst die schärfsten Kritiker der
Babymacher-Industrie bizarrer nicht hätten ersinnen können: Eine 62-jährige
Französin brachte den Sohn ihres Bruders zur Welt. Fast zeitgleich entband in
Kalifornien die Eizellspenderin dessen Zwillingsschwester. Entstanden waren
beide in einer Klinik in Los Angeles, nun leben Schwester, Bruder und die
Zwillinge gemeinsam im Haushalt der 80-jährigen Großmutter in Frankreich.
Solcherlei ungeordnete Verhältnisse blieben den Deutschen dank strenger
Gesetze bisher erspart. Doch sosehr sie die Auswüchse auch schrecken mögen -
insgeheim wurmt die deutschen Babymacher schon lange, dass ihnen der Erfolg
ihrer Kollegen im Ausland versagt bleibt.
Von einem Fortpflanzungsmedizin-Gesetz würde sich die Zunft den legislativen
Durchmarsch versprechen. "Wir wollen Verbote verhindern", sagt
Verbandspolitiker Thaele. "Denn wir müssen uns an die immer neuen
Fortschritte der Wissenschaft anpassen können."
Was er und seine Kollegen sich darunter vorstellen,verkündeten sie am
vergangenen Mittwoch. Ihr Wunschzettel, das ist dem "Positionspapier"
der Berufsverbände deutscher Gynäkologen und Fortpflanzungsexperten zu
entnehmen, ist lang und geht weit über die alte Forderung nach der Zulassung
der umstrittenen Präimplantationsdiagnostik (PID) hinaus (siehe Grafik):
- Ungewollte Kinderlosigkeit soll demnach per Gesetz zur Krankheit erklärt
werden.
- Auch Unverheirateten soll ein Recht auf künstlich gezeugten Nachwuchs gewährt
werden.
- Eizellspenden sollen zulässig sein; auch 50-Jährige können Empfängerinnen
sein.
- Eine Mutter soll in Ausnahmefällen als Leihmutter das Kind ihrer Tochter
austragen dürfen.
- Die Möglichkeiten zur Forschung an Embryonen und zum therapeutischen
Klonen sollten offen gehalten werden.
Am dringendsten wünschen sich die Mediziner jedoch eine Abkehr vom lästigen
Verbot, Embryonen in größerer Zahl zu erzeugen und dann einzufrieren. Der
"restriktive strafrechtliche Ansatz", so heißt es im Papier, führe
dazu, "dass Deutschland im internationalen Vergleich suboptimale
Schwangerschaftsraten aufweist".
In einem Zyklus lassen sich oft mehr als ein Dutzend Eizellen ernten. Doch
bisher lässt das Gesetz nur zu, sie im Vorkernstadium einzufrieren. Maximal
drei von ihnen dürfen die Ärzte gleichzeitig auftauen, und zwar ausschließlich
zu dem Zweck, sie der Mutter einzupflanzen.
Viel lieber würden die Ärzte die gesamte Ernte im Labor zu Embryonen
heranreifen lassen. Dann könnten sie die Ausbeute unter dem Mikroskop
begutachten und nur die Besten einsetzen - die Erfolgsquote, das zeigen die
Erfahrungen im Ausland, ließe sich so deutlich steigern.
Die Kehrseite: Die restlichen Embryonen mit weniger optimalem Potenzial müssten
bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff eingefroren werden. Schon bald würden
sie sich zu Zigtausenden aufaddieren.
In den USA sollen mittlerweile rund 200 000 solcher Ladenhüter existieren.
Wenn es nach der Vorstellung der Repromediziner ginge, dann stünden bald auch
die Deutschen vor der Frage: Wohin mit den Heerscharen auf Eis? Sollen sie
tiefgefroren dem Jüngsten Gericht entgegendämmern? Sollen sie nach Ablauf
einer Haltbarkeitsfrist vernichtet werden? Oder dürfen sie als kostbarer
Rohstoff der medizinischen Forschung dienen?
Die Debatte darüber könnte den Streit um PID und embryonale Stammzellen wie
ein bloßes Vorgeplänkel erscheinen lassen. "Ich stehe diesem
Positionspapier äußerst kritisch gegenüber", sagt selbst die
Medizinethikerin Christiane Woopen, die als Biotechnik-freundliches Mitglied des
Nationalen Ethikrats gilt. Und auch in der Ärzteschaft formiert sich
Widerstand: "Mit Mildtätigkeit hat all das sicher nichts mehr zu
tun", erklärt Jörg-Dietrich Hoppe, der Präsident der Bundesärztekammer.
Thaele und seine Mitstreiter hingegen glauben ein Patentrezept gegen allzu üppigen
Embryosegen zu kennen: die Adoption. "Wir könnten damit sehr vielen
ungewollt kinderlosen Paaren neue Möglichkeiten eröffnen", schwärmt
Thaele.
Bisher schrecken deutsche Fortpflanzungsspezialisten davor zurück, ihre
Kundschaft mit fremden Embryonen zu beglücken. "Es kommen aber immer
wieder Interessenten", berichtet Thaele. "Mir persönlich sind zwei
Paare bekannt, die nach Belgien gefahren sind, um sich einen fremden Embryo
einsetzen zu lassen."
Nach nur zwei Wochen vergleichsweise harmloser Hormonstimulation ist eine
Frau in der Lage, ein Mädchen oder Büblein aus dem Eis aufzunehmen. Nach
wenigen Wochen übernimmt die Plazenta der Empfängerin dann selbsttätig die
Steuerung der Schwangerschaft.
Papiere und Formalitäten sind im Fortpflanzungs-Dorado Belgien nicht vonnöten:
"Wenn dort jemand nach einem Embryo fragt, dann schauen die Mediziner halt
nach, was sie noch im Eisschrank haben", berichtet Hans-Georg Koch vom
Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht. Die Frau
kehrt schwanger aus dem Urlaub zurück und gebiert das Kind neun Monate später
in Deutschland als ihr leibliches.
Verschiedene Varianten der Embryoadoption können Interessenten auch in den
USA studieren: Die christliche Agentur "Snowflakes" etwa bringt
Spender- und Empfängerpaare gegen eine maßvolle Gebühr zusammen. Der New
Yorker Arzt Mark Sauer hingegen befruchtet übrig gebliebene Eizellen mit
Spendersamen und verkauft das embryonale Produkt dann für 3000 Dollar pro Stück
- zuzüglich Behandlungskosten. Die Agentur "Creating Families"
wiederum bietet ihren Kunden an, sich ihr Wunschkind selbst zu komponieren;
Samen- und Eispender dürfen sie im Katalog auswählen.
Das eigentliche Problem, sagt Bernd Wacker von der Kinderhilfsorganisation
"Terre des hommes", sei die "sich ausbreitende Mentalität, nach
der es ein Recht auf ein Kind gibt. Adoption war immer als ein Instrument der
Kinder- und Jugendhilfe gedacht. Heute droht sie zur Hilfe für unfruchtbare
Menschen zu verkommen."
Auch in Deutschland würde ein größeres Embryonenangebot vermutlich
Begehrlichkeiten wecken. "Wir leben in einer babysüchtigen
Gesellschaft", sagt Wacker. "Wer garantiert, dass da keiner sagt: Rühren
wir doch in der Petrischale ein paar mehr an?"
Eine Fülle von Fragen ist ungeklärt: Wer etwa soll darüber entscheiden,
welches Paar einen Embryo bekommt? Wären die "kleinen Eskimos" ein
Fall für das Jugendamt? Dort hat niemand Erfahrung im Umgang mit tiefgefrorenen
Mündeln. Sollen die Ärzte oder gar die genetischen Eltern das letzte Wort
haben? Dann wäre Missbrauch kaum einzudämmen.
Und was bedeutet es für ein Kind, zu erfahren, dass es als Embryo adoptiert
wurde? Experten sehen die Gefahr, dass für die Eltern der Unterschied zwischen
eigenen und adoptierten Kindern verschwimmt. "Deshalb werden die dazu
tendieren, dem Kind die Herkunft zu verheimlichen", fürchtet Christine
Swientek, Adoptionsforscherin an der Uni Hannover. Das halten heute fast alle
Jugendämter und Adoptionsvermittlungsstellen für einen Fehler.
Denn oft werde das Geheimnis dann im Affekt gelüftet. "Versuchen Sie
sich einfach auszumalen", sagt Swientek, "was es für ein Kind heißt,
wenn es in einem Wutausbruch seiner enttäuschten Eltern irgendwann zu hören
bekäme: "Ohne uns wärest du im Ausguss gelandet".
JOHANN GROLLE, BEATE LAKOTTA