Babys für alle?

Greise, Homo sexuelle, selbst Tote können Mütter oder Väter werden. Die Reproduktionsmedizin hat die Grenzen der Natur gesprengt - mit kaum überschaubaren menschlichen und juristischen Folgen. Soll auch in Deutschland erlaubt sein, was in anderen Ländern längst praktiziert wird?

Von DAGMAR GASSEN

Die Drewitt-Barlows - was für eine Familie, was für ein Albtraum für alle britischen Kleinbürger: zwei Väter, zwei Mütter und zwei Babys, entstanden zum Preis von umgerechnet 626000 Mark. Die Väter Tony Barlow und Barrie Drewitt sind seit zwölf Jahren ein Paar und leben mit dem Nachwuchs im englischen Städtchen Danbury. Mutter Nummer eins ist die Frau eines Milchmanns aus Palmdale/Kalifornien, die so freundlich war, den Vätern 24 Eizellen zu verkaufen. Mutter Nummer zwei, auch sie Kalifornierin, bekam gegen Honorar ein paar befruchtete Mutter-eins-Eizellen eingepflanzt und trug die Zwillinge aus. Dieser verwirrende genetische Ringtausch - und der Umstand, dass die US-Geburtsurkunden der Kinder nur beide Väter als Eltern aufführen, hat die inzwischen knapp Einjährigen zu Promis gemacht. Zum ergiebigen Diskussionsstoff für Juristen und für die Ist-doch-nicht-möglich-Sager in Pubs und Frisierstuben. Dabei sind Kinder für Schwule nur ein kleines Kapitel in der Geschichte der Reproduktionsmedizin, die inzwischen zu einer Erfolgsbranche mit Milliardenumsatz avanciert ist. Und die unser gesellschaftliches Gewissen herausfordert.

Denn auch wenn die meisten Ärzte ihre Aufgabe allein darin sehen, unfruchtbaren jungen Paaren zum Wunschkind zu verhelfen: Die Zunft hat gezeigt, dass sie mehr kann. Dass sie in der Lage ist, Menschen zu Eltern zu machen, die nach den Regeln der Natur keine sein könnten. Tony Barlow und Barrie Drewitt eben. Oder die amerikanischen Lesben Mary Jane Knoll und Christine Finn. Die 62-jährige Italienerin Rosanna Della Corte aus Canino (s. Seite 104). Die 63-jährige Arceli Keh aus Highland bei Los Angeles. Oder die Witwe Gaby Vernoff, die ihre Tochter mit Samen zeugen ließ, den man ihrem verstorbenen Mann entnommen hatte.

In Japan experimentieren Forscher mit "künstlichen Gebärmüttern", in denen Ziegenföten wachsen. Ein Wissenschaftler der Oxford University pflanzte Embryonen in Mäusehoden. Ein Zunftkollege behauptet, er habe einem männlichen Pavian zur Schwangerschaft verholfen. Die Natur scheint besiegt, Kinder für alle machbar. Aber will man das?

In Deutschland setzen Standesrecht und Gesetz der Reproduktionsmedizin noch enge Grenzen: Die meisten Methoden werden normalerweise nur bei Ehepaaren angewandt, Eizell-Spenden, Leihmütter oder die Zeugung mit dem Samen von Toten sind verboten. Doch das Bundesgesundheitsministerium arbeitet an Vorschlägen für ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz, das vorsichtige Liberalisierungen bringen könnte. Höchste Zeit, sagen viele Praktiker. Ein Schritt in die falsche Richtung, sagen die Kritiker. Ihnen graut es davor, dass in Deutschland am Ende alles erlaubt sein könnte, was andere Länder, besonders einige Bundesstaaten der USA, schon heute zulassen. Wer hätte 1978 bei der Geburt des ersten "Retortenbabys" Louise Brown schon gedacht, dass zwei Dekaden später rund 2500 Deutsche pro Jahr auf die gleiche Art gezeugt würden?

KINDER NACH DER MENOPAUSE Zu den Fortpflanzungsträumen, die heute im Ausland wahr werden, zählt das Austricksen der "biologischen Uhr". Eine Frau, die jenseits der Wechseljahre schwanger werden möchte, braucht eine gute Konstitution, einen guten Arzt und eine Eizell-Spenderin, wobei letztere meist das kleinste Problem ist. Mancherorts, wie in Teilen der USA, hat eine Mutter in spe sogar beträchtliche Auswahl: Soll die Gen-Geberin weiß oder schwarz sein? Rechts- oder Linkshänderin? Eine Sprinterin oder lieber eine studierte Literaturwissenschaftlerin? Die Preise sind von gerade mal 250 Dollar für die ersten Spenderinnen Mitte der 80er Jahre auf heute bis zu 5000 Dollar gestiegen. Für das Ei einer gut aussehenden, hochintelligenten Princeton-Absolventin ist gar die Rekordsumme von 35 000 Dollar geboten worden.

Aber lieber als ein fremdes Super-Ei wäre den meisten Frauen die "Eigen-Eispende" - ein Verfahren, an dem die Forschung bereits arbeitet. Es ermöglicht etwa jungen ChemotherapiePatientinnen, ihre Eizellen vor der Behandlung einzufrieren und nach der Genesung wieder einsetzen zu lassen. Für Frauen, die im fortgeschrittenen Alter noch einmal schwanger werden wollen, ließe sich nach derselben Methode eine persönliche Eizellen-Bank einrichten.

Das Zauberwort dafür heißt Kryokonservierung - eine Technik, mit der Zellen bei minus 196 Grad in Tanks mit flüssigem Stickstoff nahezu unbegrenzt haltbar gemacht werden. Das funktioniert bereits ausgezeichnet mit Sperma und Embryonen - nur das Frosten von "jungfräulichen" Eizellen ist noch problematisch. Denn in der befruchtungsfähigen Phase sind sie extrem empfindlich gegen Temperaturschwankungen. Friert man sie in einem früheren, stabileren Stadium ein, müssen sie nach dem Auftauen mit Hilfe von Nährlösung und Brutschrank hochgepäppelt werden - ein Prozess, der sich bislang nicht zufrieden stellend steuern lässt. "An der Nachreifung von Eizellen arbeitet eine ganze Phalanx von Wissenschaftlern", sagt Henning Beier, Chef des Instituts für Anatomie und Reproduktionsmedizin am Universitätsklinikum Aachen. "Allerdings mit unterschiedlichem Erfolg."

KINDER VON TOTEN Vergleichsweise simpel ist die Zeugung mit dem Samen von dahinvegetierenden Koma-Patienten oder gar von Verstorbenen. Die Ärzte bringen bewusstlose Patienten mit einer Elektrosonde im Rektum oder mit Vibratorstimulation der Penisspitze zum Samenerguss. Bei Toten schneidet der Doktor einfach den Hodensack ein und presst die Spermien durch den Samenleiter in ein Gläschen - fertig. Nach einer US-Umfrage hatten im Jahr 1997 14 Kliniken Anfragen von Ehefrauen, Freundinnen oder Eltern, die Sperma verstorbener Männer gewinnen lassen wollten; der Bioethiker Arthur Caplan spricht von einem neuen Wachstumsfeld der Reproduktionsbranche.

Dabei stellt die Zeugung post mortem Juristen vor einige äußerst knifflige Fragen. Können neben Partnerinnen tatsächlich auch Eltern Zugriff auf die Keimzellen von Toten verlangen, um sich von Leihmüttern ein paar Enkel austragen zu lassen? Steht Müttern, die wissentlich Halbwaisen erzeugen, für diese eine Halbwaisenrente zu? Haben schon vorhandene Kinder eines Verblichenen das Recht, die Zeugung weiterer Erben zu untersagen? Letzteres beschäftigte amerikanische Anwälte als Fall "Hecht vs Kane". Der US-Jurist William Kane plante bereits seinen Selbstmord, als er 15 Gläschen Sperma konservieren ließ - mit der erklärten Absicht, seiner Lebensgefährtin Deborah Hecht eine Schwangerschaft zu ermöglichen. Als Deborah aber nach dem Freitod Kanes daran ging, seinen letzten Willen umzusetzen, stieß sie auf heftigen Widerstand von Kanes erwachsenen Kindern aus einer früheren Ehe, die sich wegen "emotionalen, psychologischen und finanziellen Stresses für bereits vorhandene Familienmitglieder" gegen die Entstehung weiterer Verwandtschaft verwahrten. Die Argumentation wurde von verschiedenen Richtern unterschiedlich bewertet, sodass Deborah erst gar keine Spermien bekam, dann 20 Prozent der Gläschen (entsprechend ihren 20 Prozent am Gesamterbe), und schließlich, nach sechs Jahren, auch den Rest. Doch da war sie schon 42.

Noch absurder der Fall Rios. Die Kalifornier Mario und Elsa Rios kamen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben und hinterließen einen Besitz im Wert von mehreren Millionen US-Dollar sowie zwei tiefgefrorene Embryonen, eingelagert in einer australischen Kryobank. Was nun?, fragten sich Juristen auf zwei Kontinenten. Waren die Embryonen Erben des Vermögens - oder gehörten sie im Gegenteil zur Erbmasse, sodass es anderen Hinterbliebenen überlassen wäre, die potenzielle Konkurrenz von einer Frau austragen zu lassen oder dem ewigen Frost zu übereignen? Getrieben von der Hoffnung auf Reichtum wurden reihenweise Leihmutter-Anwärterinnen vorstellig - bis ein kalifornisches Gericht entschied, dass die stäubchenkleinen Rios-Nachfahren keinen Anspruch auf das elterliche Vermögen haben würden. Und sie damit für Austrägerinnen uninteressant machte.

KINDER FÜR HOMOSEXUELLE PAARE Medizinisch völlig unspektakulär ist die Gründung einer Zwei-Mütter-Familie. Wenn es den Partnerinnen reicht, dass nur eine von ihnen mit dem Kind verwandt ist, bedarf es lediglich einer so genannten Insemination - ein unaufwendiges Verfahren, bei dem das Sperma durch einen dünnen Schlauch via Vagina in die Gebärmutter gespritzt wird. In manchen Ländern verkaufen Samenbanken ihr Spender-Sperma anonym - auch als tiefgefrorene Versandware. In anderen können Frauen einen Gen-Lieferanten auswählen. Sind die passenden Keimzellen einmal gefunden, muss die künftige Mutter sie sich nur noch vom Arzt einspritzen lassen - oder selbst Hand anlegen.

Deutlich aufwendiger ist es, homosexuellen Männern zum (zur Hälfte) eigenen Nachwuchs zu verhelfen, denn der frauenlose Fortpflanzungswillige braucht ja im wahrsten Sinne des Wortes eine Gebär-Mutter. In den USA, wo 1997 nach den jüngsten Zahlen 600 Leihmütterschwangerschaften begonnen wurden, bieten Spezialkliniken und Vermittlungsagenturen zwei Arten von Arrangements: Entweder lässt sich die Leihmutter direkt mit dem Sperma des Vaters in spe inseminieren, oder man pflanzt ihr einen Embryo ein, der mit der Ei-zelle einer anderen Frau gezeugt wurde, wie bei den Drewitt-Barlows. Das hat den Vorteil, dass sich die austragende Mutter "nur" über Schwangerschaft und Geburt und nicht auch noch über ihr genetisches Material mit dem Baby verbunden fühlt.

In den USA weigert sich am Ende etwa jede 100. Leihmutter, das Kind herauszugeben - mit je nach Bundesstaat unterschiedlichen Folgen. Berühmt geworden ist der Fall von Mary Beth Whitehead, die das bestellte Baby behalten wollte und schließlich das Recht erstritt, wenigstens tageweise mit ihm zusammen zu sein. Eine andere Leihmutter, Elvira Jordan, verlangte das Sorgerecht, als ihre Auftraggeber sich ein halbes Jahr nach der Geburt trennten - ein Gericht verfügte, dass sie die Betreuung des Kindes mit dem Vater teilen dürfe, die "Bestell-Mutter" blieb außen vor.

Umgekehrt gibt es Kinder, für die sich am Ende nicht zu viele, sondern zu wenige Eltern finden. Jaycee Buzzanca wurde aus einer gespendeten Eizelle und gespendetem Samen gezeugt und später von einer Leihmutter geboren - leider zu einem Zeitpunkt, zu dem der Mann, der ihr Vater werden wollte, sich bereits von der Frau, die ihre Mutter werden wollte, getrennt hatte. John Buzzanca verweigerte die Zahlung von Unterhalt mit der Begründung, dass er mit Jaycee nicht verwandt sei.

Erst nach langem Rechtsstreit wurde er von einem Appellationsgericht in die Pflicht genommen. Argumentation der Juristen: Da Jaycee ohne den Beschluss von John und seiner Ex-Frau niemals gezeugt worden wäre, seien diese die rechtlichen Eltern - und er folglich unterhaltspflichtig.

Wer sind die Frauen, die anderen gegen Bezahlung ein Kind austragen? Die Juristin und Buchautorin Lori Andrews*, die viele Auswüchse der Reproduktionsmedizin zusammengetragen hat, kam nach Gesprächen mit 80 "Vertragsschwangeren" und Empfängerpaaren zu dem Schluss, dass die meisten Leih-mütter keineswegs ausgebeutete oder geldgierige Babymaschinen seien, sondern "Frauen, für die Mutterschaft der zentrale Inhalt ihres Lebens war". In mehreren Studien werden sie als Normalo-Bürgerinnen mit leicht überdurchschnittlicher Aufopferungs- und etwas erhöhter Risikobereitschaft beschrieben. Ergebnisse, die dazu beigetragen haben dürften, das Geschäft zu beleben, auch bei der homosexuellen Klientel.

Inzwischen gibt es in den USA sogar schon eine Leihmütter-Agentur, die sich auf schwule Kundschaft spezialisiert hat, und die Medien verzeichnen einen "Gayby"-Boom.

NACHWUCHS FÜR ALLEINSTEHENDE Schon lange können alleinstehende Frauen mit Spendersamen, alleinstehende Männer mit Eizell-Spenderinnen und Leihmüttern zu Nachwuchs kommen. Nun ist eine neue Möglichkeit aufgetaucht, die wohl radikalste Form der Single-Reproduktion: Klonen. Das ist Baby-Produktion ohne Erbanlagen-Verquickung. Der Klon ist die genetische Kopie eines "Elternteils", kein Kind eigentlich, sondern ein verspätet geborener eineiiger Zwilling.

Seit im Juli 1996 nach 276 gescheiterten Versuchen das Schaf Dolly zur Welt kam, weiß die Wissenschaft, wie das Klonen aus einer erwachsenen Körperzelle funktionieren kann - beim Menschen wahrscheinlich so gut oder schlecht wie beim Schaf. Man braucht erstens die Hülle einer Eizelle, zweitens einen kompletten Zellkern und drittens eine Gebärmutter. Am leichtesten wäre es also, eine Frau zu klonen. Man würde ihr eine Eizelle und eine Körperzelle entnehmen - eine Hautzelle vom Nasenflügel vielleicht. Aus beiden Zellen könnten Biologen die Kerne heraussaugen, um dann den Hautzellen-Kern in die geleerte Eizellen-Hülle einzuspritzen. Sollte es schließlich gelingen, die Kunstzelle zur Teilung anzuregen, könnten sich die Biologen zurücklehnen: Der wachsende Embyro würde der "Mutter" eingesetzt, die Schwangerschaft verliefe wie üblich.

Obwohl die ethischen Einwände bei Laien und Experten groß sind, gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass das Klonen von Menschen so sicher kommen wird wie die nächste Marsmission. Eine Forschergruppe in Südkorea soll sogar schon Experimente bis zum Vier-zell-Stadium gemacht haben. Die Raelianer-Sekte behauptet, rund hundert finanzkräftige Interessenten für ihre geplanten Klon-Versuche an der Hand zu haben. Die ersten Anwärter sind Eheleute, die ihr jüngst verstorbenes Kind duplizieren wollen (s. Kasten auf S. 102).

Wird also eines Tages jeder, der es bezahlen kann, das Recht haben, sich zu kopieren? Werden Frauen bestimmen dürfen, ob sie ihre Kinder mit 20 oder mit 50 bekommen? Wird man es normal finden, wenn lesbische oder schwule Paare eigenen Nachwuchs haben und wenn Kinder nach dem Tod eines Elternteils gezeugt werden? Oder soll der Staat das Recht haben, Menschen daran zu hindern, die Techniken der Baby-Macher in Anspruch zu nehmen?

"Das sind Fragen, die nicht Ärzte und Forscher entscheiden, sondern die Gesellschaft", sagt Klaus Diedrich, Direktor der Frauenklinik an der Medizinischen Universität Lübeck und einer der führenden deutschen Reproduktionsmediziner. Und die "Gesellschaft" - das sind hierzulande vor allem die Abgeordneten des Bundestags, die sich mit dem neuen Fortpflanzungsmedizingesetz beschäftigen werden. Noch in diesem Jahr gehen Vorschläge aus Andrea Fischers Gesundheitsministerium an Fraktionen und Regierung, und viele Experten glauben, dass am Ende neben unverheirateten Heterosexuellen erstmals auch Frauen-Paare die Erlaubnis zur Nutzung reproduktionsmedizinischer Techniken bekommen könnten. "Es ist schwer einzusehen, warum man einer lesbischen oder alleinstehenden Frau verbieten sollte, sich zu einem Kind verhelfen zu lassen", sagt Ulrike Riedel, die zuständige Abteilungsleiterin im Ministerium.

Eine "offene Frage", so Riedel, ist auch die Eizell-Spende. Schließlich ist das Verfahren mit Hormon-Doping und Punktion durch die Vagina fast das Gleiche wie bei der konventionellen In-Vitro-Fertilisation (IVF). Nur dass bei der normalen IVF die "Eizell-Spenderin" zugleich die Empfängerin ist - die Eizellen also nur zwischenzeitlich entnommen werden, um sie im Labor mit den Samen zu vereinen.

Kritiker greifen denn auch meist nicht die medizinische Methode selbst an, sondern fragen, ob man sie bei anderen als den "echten" Eltern anwenden sollte. "Unter gesundheitlichen Gesichtspunkten scheint nicht gerechtfertigt, gesunde Frauen mit invasiven Maßnahmen zu behandeln, um den Kinderwunsch anderer zu erfüllen", urteilt ein Gutachten, das das Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben hat. Aber sollte eine Frau nicht selbst entscheiden können, ob sie gewisse Risiken auf sich nehmen will, um einer anderen, unfruchtbaren Frau zu helfen?

Wahrscheinlich ließe sich mancher Skeptiker am Ende noch von der Eizell-Spende überzeugen, wäre da nicht die Angst vor dem "slippery slope" - zu Deutsch etwa rutschige Bahn -, ein Begriff, der Medizinethikern derzeit so häufig über die Lippen kommt wie katholischen Kaplänen das "Amen". "Wenn man die herkömmlichen Bahnen der Reproduktion verlässt, gerät man leicht auf den ,slippery slope` und soll am Ende alle erdenklichen Wünsche erfüllen", warnt etwa der Theologieprofessor Dietmar Mieth, Mitglied im Ethikbeirat, der die Gesundheitsministerin berät. Bezogen auf die Eizell-Spende heißt das: Wenn man einer 20-Jährigen erlaubt, ihrer unfruchtbaren 23-jährigen Schwester auszuhelfen, kann man ihr dann verbieten, der 50-jährigen Tante den gleichen Gefallen zu tun?

"Die Ärzteschaft teilt sich in zwei Lager", sagt Wolfgang Würfel, Chefarzt der Münchner Frauenklinik Dr. Krüsmann. "Die "Biologisten`, die es vor allem für ihre Aufgabe halten, bei Krankheiten zu helfen, und die "Liberalisten`, denen es vor allem um die Selbstbestimmung eines Paars geht, die also auch Gesunde behandeln und für fast alle Methoden offen sind." Sich selbst sieht Würfel in der "noch mehrheitsbildenden Gruppe" der Biologisten, die sich, wie viele Ethiker, gegen "extreme Manipulationen der Natur" (Mieth) verwahren. Nur: Was, wenn nicht extreme Manipulation, ist die Antibabypille, mit der Frauen jahrzehntelang ihren Eisprung verhindern? Wie "natürlich" sind synthetische Beta-Blocker und die bemannte Raumfahrt?

"Bei jeder Grenze, die wir ziehen, wird es vernünftige Gegenargumente geben", so Ulrike Riedel. Außerdem können schon morgen neue Methoden auftauchen, die sich heute kein Gesetzgeber vorstellen kann. Gerade hat etwa der Biochemiker Calum MacKellar von der Universität Edinburgh vorgeschlagen, den Kern einer Samenzelle in eine ausgehöhlte Eizelle zu pflanzen und diese wiederum zu befruchten - was es zwei Männern ermöglichen würde, ihre Gene in einem Kind zu vereinen. "Klingt abenteuerlich", sagt Eberhard Nieschlag, Direktor des Instituts für Reproduktionsmedizin an der Universität Münster. "Aber niemand kann mit Bestimmtheit sagen, was in zehn oder 20 Jahren geht."

So lange wollten die Drewitt-Barlows allerdings nicht warten. Die schwulen Eltern aus Danbury haben sich in der Zwischenzeit eine zweite Leihmutter in Amerika gesucht - und sind erneut guter Hoffnung.

 

Quelle: Stern Ausgabe vom 26.10.2000