Ohne Mutter keine Menschenwürde
Die Reproduktionsmedizin steht in Israel hoch im Kurs, die Zusammenarbeit mit Deutschland auch
Von Ulrich Schnabel

Es ist eine fast makabre Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet israelische Forscher Deutschlands Bioethiker derzeit in Zugzwang bringen. Sind es nicht gerade die traumatischen Erfahrungen der deutschen Vergangenheit, die Züchtungsfantasien der Nazis und der Holocaust an sechs Millionen Juden, die den Deutschen eine besondere Last in der Ethikdebatte auferlegen? In jeder Warnung vor den Risiken der Biomedizin schwingt diese Erinnerung an den deutschen Sündenfall mit, die Furcht vor einer neuerlichen Selektion von lebens(un-)wertem Leben mithilfe der modernen Humangenetik.

Und nun sollen es just jüdische Reproduktionsmediziner sein, die offenbar keine Hemmungen haben, der Universität Bonn die umstrittenen embryonalen Stammzellen zu liefern und damit einen Tabubruch zu provozieren?

Joseph Itskovitz-Eldor ist auf diese Frage vorbereitet und reagiert sichtlich gelassen. "Ich verstehe die besondere Empfindlichkeit in Deutschland", sagt der israelische Stammzellforscher, "aber ich bin sicher, dass es in einem Land, in dem solche Dinge geregelt und kontrolliert werden können, keinen Missbrauch der biomedizinischen Entwicklungen geben wird." Einen Tabubruch kann der Gynäkologe vom Rambam Medical Center in Haifa, der schon in wenigen Monaten das begehrte Stammzellmaterial nach Bonn liefern könnte, daher nicht erkennen. "Die Chance, mit dieser Technik der Menschheit helfen zu können, übersteigt die Gefahren des Missbrauchs um mehrere Größenordnungen", wirbt Itskovitz-Eldor und setzt dann mit härter klingender Stimme nach: "Wenn diese Verfahren in Deutschland je missbraucht werden sollten, dann werden dort wohl auch noch schlimmere Dinge gemacht."

In Israel jedenfalls sind jene Methoden, die in Deutschland derzeit für so viel Erregung sorgen, längst alltäglich. Nicht nur dass Itskovitz-Eldor, der 1998 mit dem Amerikaner James Thomson die ersten Kulturen embryonaler Stammzellen anlegte, diese Forschung seither am Rambam Medical Center in Haifa vorantreibt; die 900-Betten-Klinik, ein schmuckloser Betonklotz im Zentrum der nordisraelischen Hafenstadt, ist mittlerweile auch das israelische Referenzzentrum für die in Deutschland bislang verpönte Präimplantationsdiagnostik (PID): Künstlich gezeugte Embryonen werden dort auf Wunsch vor dem Einpflanzen in den Mutterleib auch auf mögliche genetische Schäden untersucht.

Die Rambam-Klinik, benannt nach dem legendären Philosophen und Arzt Rabbi Moses Ben Maimon, ist damit führend in Israels Reproduktionsmedizin. Doch konkurrenzlos ist sie beileibe nicht. Denn mit 22 Fertilitätszentren auf rund 6 Millionen Einwohner ist Israel das Land mit der weltweit höchsten Dichte an reproduktionsmedizinischen Kliniken.

Dieses technologische Know-how kommt nicht von ungefähr und hängt am Ende auch mit der deutsch-jüdischen Vergangenheit zusammen. Denn die Gründerväter des Staates Israel haben von Anfang an zielstrebig den Aufbau eines hoch effizienten Wissenschaftssystems gefördert. Dass Intelligenz "der einzige Rohstoff ist, über den wir verfügen", predigte schon Israels erster Staatspräsident, der Chemiker Chaim Weizmann, der das heute weltberühmte Weizmann-Institut begründete. Auch Albert Einstein gab dem jungen Staat die Mahnung mit auf den Weg: "Israel kann den Kampf ums Überleben nur gewinnen, wenn es technologisches Fachwissen entwickelt." Daran hält man sich bis heute.

Mit beispielloser Effizienz und einem oft aus der Not geborenen Pragmatismus werden in Israel Innovationen gefördert. Der Staat zwischen Jordan und Mittelmeer mag gerade so groß sein wie das Bundesland Hessen, doch in der Wissenschaft ist er ein Global Player. "Gemessen an seiner Bevölkerung, produziert Israel weltweit die höchste Zahl an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, verfügt über die meisten Wissenschaftler und über die höchste Zahl an Firmenneugründungen", heißt es bewundernd in einer kürzlich erschienenen Broschüre des Bundesforschungsministeriums. Traditionell stark sind isralische Forscher in rüstungsrelevanten Bereichen wie Informationstechnik oder Materialforschung. Doch neue Disziplinen wie die Hirnforschung und eben die Biotechnik werden rasch erschlossen. Wissenschaftsfeindlichkeit, die deutsche Forscher oft beklagen, ist in Israel so gut wie unbekannt.

Was insbesondere die Reproduktionsmedizin angeht, so kommt ein weiterer Aspekt hinzu, der erklärt, warum diese Forschung in Israel wesentlich positiver betrachtet wird als in Deutschland: Sowohl für die Juden wie auch für die arabische Minderheit in Israel spielt die Frage des Nachwuchses eine zentrale Rolle. Daher werden Unfruchtbarkeitsbehandlungen auch von den Krankenversicherungen großzügig gefördert: Ein Paar, das sich zur künstlichen Befruchtung entschließt, bekommt so viele Versuche finanziert, wie es wünscht - bis zwei Kinder geboren sind.

Das Leben beginnt am 49. Tag

Auch die fundamentale Frage, wann das menschliche Leben beginnt, findet in Israel eine ganz eigene Antwort: "Es gibt eine Strömung in der jüdischen Philosophie, die sagt, dass dem Embryo erst nach 49 Tagen Leben eingehaucht wird", verweist Itskovitz-Eldor gewitzt auf die orthodoxe Tradition, mit der er sonst nicht allzu viel am Hut hat. "Und das fällt just mit dem Zeitpunkt zusammen, an dem der Embryo hormonell vom Eierstock unabhängig wird", doziert der Gynäkologie-Professor; er gibt allerdings selbst zu, dass dies wohl nicht mehr als "eine nette Koinzidenz" sei. Es gebe auch andere jüdische Positionen. Letzten Endes sei die Frage, wann genau das Leben beginne, wohl eher "ein semantisches Problem".

Entscheidend aber ist die Festlegung, dass der Embryo außerhalb des Mutterleibs nach jüdischem Glauben prinzipiell nicht als eigenständige Seele gilt. "Das ist auch der Grund, warum streng gläubige Juden keine Probleme mit der Präimplantationsdiagnostik haben", sagt Itskovitz-Eldor. Denn bevor die befruchtete Eizelle der Mutter eingepflanzt ist, kommt ihm nach jüdischem Verständnis keine Menschenwürde zu. Nach der Implantierung jedoch sieht die Sache anders aus. "Für orthodoxe Juden kommt dann eine Abtreibung nicht mehr infrage, selbst wenn sich herausstellt, dass der Embryo an einer schweren Erbkrankheit wie zystischer Fibrose leidet." Selbstredend, dass Itskovitz-Eldor in dieser Frage das deutsche Recht, das Pränataldiagnosen und Spätabtreibungen erlaubt, für inkonsequent hält.

Der Stammzellpionier ist gleichwohl bemüht, auch der deutschen Öffentlichkeit die ethische Unbedenklichkeit seiner Arbeiten zu versichern. "Die Embryonen, die wir zur Etablierung unserer Zelllinie benutzt haben, sollten sowieso zerstört werden. Sie waren seit sieben Jahren eingefroren und das Ehepaar, dem sie gehörten, bat uns, sie zu vernichten, da es seine Familienplanung abgeschlossen hatte." Er könne nicht erkennen, was so verwerflich sei, diesem zur Vernichtung freigegebenen Zellhaufen vorher noch einige Zellen zu entnehmen - auch das Ehepaar hatte keinerlei Einwände. "Wir stellen keine Embryonen für Forschungszwecke her, wir manipulieren sie nicht, und wir züchten sie nicht", betont der Forscher immer wieder, wohl wissend, dass eben dies in Deutschland strafbar wäre.

Dass die Israelis nun ausgerechnet auf diesem heiklen Gebiet mit den Deutschen kooperieren wollen, ist keineswegs ungewöhnlich. Traditionell gibt es eine enge wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten. Schon 1959 reiste die erste Delegation der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) unter Leitung von Otto Hahn auf Einladung des Weizmann-Instituts nach Israel. Heute gibt es eine unübersehbare Fülle von israelisch-deutschen Kooperationsprojekten in der Wissenschaft. Neben den Programmen des Bundesforschungsministeriums, der Deutsch-Israelischen Stiftung für Wissenschaftliche Forschung und Entwicklung (GIF) und der Deutsch-Israelischen Projektkooperation in zukunftsorientierten Themenbereichen (DIP) unterhält auch jede der großen deutschen Wissenschaftsorganisationen weitere eigene Kooperationsprojekte, von denen das Minerva-Programm der MPG nur das bekannteste ist. Erst vor wenigen Wochen reiste Forschungsministerin Edelgard Bulmahn durch Israel, um den Wunsch zur weiteren engen Zusammenarbeit zu bekräftigen und dazu insbesondere auch Nachwuchsforscher zu ermutigen.

Joseph Itskovitz-Eldor züchtet embryonale Stammzellen im Rambam Medical Center in Haifa. Auch die Präimplantationsdiagnostik (PID) wird dort praktiziert. Gläubige Juden haben damit keine Probleme

Die Stammzellforschung war zwar bisher noch nicht Gegenstand eines solchen Kooperationsabkommens. Doch der Besuch von Ministerpräsident Wolfgang Clement, von dem man sich übrigens auch im Forschungsministerium überrascht zeigt, demonstriert, wie leicht die Anbahnung selbst heikler Projekte fällt. Zwar sei über konkrete Einzelheiten noch gar nicht gesprochen worden, behauptet Joseph Itskovitz-Eldor. Sollte jedoch die Deutsche Forschungsgemeinschaft Anfang Juli dem Antrag der Bonner Stammzellforscher Brüstle und Wiestler stattgeben, dann könnten binnen weniger Monate die ersten Stammzellen von Haifa nach Bonn geliefert werden.

Dass die damit verbundenen bioethischen Fragen zwar in Deutschland zu höchster öffentlicher Erregung, in Israel dagegen allenfalls zu einem leichten Aufwallen führen, ist für Itskovitz-Eldor nicht allzu erstaunlich: "Die viel geringere Intensität der Bioethikdebatte in Israel liegt vielleicht daran, dass wir uns über wichtigere Dinge den Kopf zerbrechen müssen."

(c) DIE ZEIT   24/2001   

 

Quelle: Zeit 24/2001