Babytest
im Labor
Um
Mehrlinge zu vermeiden, fordern Reproduktionsärzte Qualitätskontrollen für
Retortenembryos
Von
Ulrich Bahnsen
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ZEIT-Grafik
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Den Industriestaaten steht Ungemach ins Haus, glaubt man dem New Scientist. Die um sich greifenden künstlichen Befruchtungstechniken, schrieb das Londoner Blatt, hätten inzwischen "eine desaströse Epidemie von Zwillings- und Drillingsgeburten" verursacht.
Bis zu drei Retorten-Embryonen übertragen europäische Mediziner in den Mutterleib, um unfruchtbaren Paaren zum Kind zu verhelfen. Gut jeder fünfte Behandlungszyklus führt zur Niederkunft - das entspricht in etwa der natürlichen Zeugungsrate. Doch fast ein Drittel dieser Kinder sind Zwillinge oder Drillinge. In den USA führen schon nahezu 40 Prozent aller künstlich erzeugten Schwangerschaften zu Mehrlingsgeburten, weil man dort oft mehr als drei Embryonen einpflanzt. Die amerikanischen IVF-Zentren wollen mit möglichst hohen baby take-home rates werben. "Die Zunahme ist alarmierend", warnt Laura Schiewe von den US-Centers for Disease Control in Atlanta. Denn Mehrlingsschwangerschaften gefährden die Mutter und die Kinder: Schon bei Zwillingen treten Untergewicht, Frühgeburt und neurologische Störungen gehäuft auf. Drillinge überleben oft nur durch die Künste der Intensivmediziner.
In Europa sinnen die Experten nun auf Abhilfe. Doch bislang gibt es für die Mediziner nur einen Weg gegen die Mehrlingsepidemie: Künftig wollen sie nur noch einen Embryo pro Zyklus in den Mutterleib übertragen. Um dennoch akzeptable Erfolge zu erzielen, muss dieser aber zuvor auf Lebensfähigkeit geprüft werden. Als Prüftechnik bietet sich die Präimplantationsdiagnostik (PID) an, jene in Deutschland bislang verbotene Methode, die Ehepaaren mit einer Anlage für Erbkrankheiten zu gesundem Nachwuchs verhelfen soll. Dass die PID auch als Embryonencheck für Frauen im höheren Alter eingesetzt werden kann, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen, bewiesen belgische Experten von der Freien Universität Brüssel. Je älter die Frauen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die gezeugten Embryonen Chromosomenschäden aufweisen, die eine Einnistung in die Gebärmutter verhindern oder zum Frühabort führen. Bei 40-Jährigen ist bereits jeder zweite Embryo geschädigt. Vor der Übertragung in den Uterus hatten die Brüsseler Ärzte deshalb die Chromosomen der Embryonen mit der PID überprüft. Nur je zwei gesunde Kandidaten wurden transferiert, die geschädigten verworfen. Die Folge war eine Verdoppelung der Einnistungsrate auf 23 Prozent gegenüber einer Vergleichsgruppe von Frauen, die drei ungetestete Embryonen erhalten hatten. Allerdings scheint das Screening durch PID bislang nur bei älteren Frauen Erfolge zu versprechen, sagt der Lübecker Reproduktionsmediziner Ricardo Felberbaum. Bei jüngeren Frauen, meint er, "ist die Chromosomenkontrolle wenig effektiv".
Indessen spricht manches dafür, dass die Zwillingsproblematik auch ohne Gentest zu lösen wäre: durch bloßen Augenschein. Lässt man den Embryo nämlich bis zum fünften Tag im Labor zum so genannten Blastozytenstadium heranreifen, bevor er transferiert wird, kann man schon an Form und Aussehen erkennen, ob er gute Entwicklungschancen hat: "Symmetrische Zellen, heller Zellleib ohne dunkle Partikel darin", nennt Felberbaum als Kriterien für einen guten Embryo. Zudem bewirkt die verlängerte Brutzeit eine natürliche Selektion: Viele geschädigte Embryonen sterben innerhalb der ersten fünf Tage ab.
Die Überlebenden, optisch gesund erscheinende Embryonen, sind vielleicht die Lösung für das Mehrlingsproblem: Jan Gerris und seine Kollegen vom Antwerpener Zentrum für Reproduktionsmedizin erreichen mit einem top quality embryo inzwischen normale Schwangerschaftsraten bei ihren Patientinnen. Jede vierte IVF-Patientin bekommt in Antwerpen inzwischen nur noch einen qualitätsgeprüften Embryo übertragen.
Ihre deutschen Kollegen würden solche Erfolge auch gern vorweisen - nur dürfen sie es nicht: Das Embryonenschutzgesetz verbietet die Herstellung von mehr als drei Embryonen. Sind die erzeugt worden, müssen sie sämtlich in den Leib der Mutter übertragen werden, auch wenn den Zellkugeln Mängel anzusehen sind. Experten wie Felberbaum und sein Kollege Michael Thäle vom Verband der Reproduktionsmedizinischen Zentren verlangen daher eine Änderung des Gesetzes. "Solange nur drei Embryonen hergestellt werden dürfen, bleibt uns bei acht von zehn Frauen am Ende keiner mehr, den wir transferieren können", klagt Felberbaum, "so was kann man den Patienten nicht zumuten."
Quelle: Zeit 32/2001